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Review: Der Schatten des Windes

Der Schatten des Windes
 
Autor: Carlos Ruiz Zafón?
Jahr:
ISBN:9783518458006 (dt.)
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Wertung 4 von 7 Geheimnisvoller Beginn gleitet ab der Mitte ins Triale und Kitschige ab


Der Schatten des Windes ist ein weltweiter Bestseller mit vielen überschwenglichen Kritiken. Ich habe mich von der Begeisterung anstecken lassen und das Buch innerhalb von wenigen Tagen durchgelesen. Aber was für ein Urteil soll ich fällen? Doch fangen wir von vorne an.

Daniel ist ein 11 Jähriger Junge und lebt in Barcelona allein mit seinem Vater. Es ist das Jahr 1945, der zweite Weltkrieg ist gerade vorbei und das faschistische Franco Regime beherrscht Spanien. Mitten in dieser unruhigen Zeit nimmt Daniels Vater ihn mit zum Friedhof der Bücher, einer geheimen Bibliothek in der Bücher vor dem Verschwinden bewahrt werden. Er darf sich ein Buch aussuchen und muss versprechen, sich sein Leben lang darum zu kümmern. Er wählt Der Schatten des Windes von Julian Carax, einem völlig unbekannten Autoren. Daniel stellt Nachforschungen an und stößt bald auf Rätsel um die Herkunft und das Verbleiben von Julian. Kurze Zeit später fühlt er sich verfolgt und merkt, dass seine Suche ihn zu einem Teil von Ereignissen machen, die weit zurück reichen - und merkwürdige Parallelen zu seinem eigenen Leben aufweisen.

Das Buch beginnt sehr vielversprechend. Die Charaktere haben allesamt eine eigene, persönliche Sprache. Daniel ist der heranwachsende Jugendliche, der sich unglücklich verliebt und recht naiv an das Leben herangeht. Ihm zur Seite steht Feremin, ein Mann mit dunkler Vergangenheit aber sehr weltgewandt und immer mit einem kecken Spruch auf den Lippen. Als Teil des brutalen Franco Regimes haben wir den Inspektor Fumero, wobei ich aus seinem hasserfüllten, brutalen Treiben nicht ganz schlau geworden bin. Ich tippe auf Psychopath.

Die Frauen sind nicht so gut gelungen. Vielleicht liegt es an der damaligen Zeit (1920-1950), größtenteils scheinen sie sehr altmodischen Zwängen unterworfen zu sein und wirken stereotyp, komplett ihren Männern bzw. den Vätern ergeben. Das stört zu Beginn nicht besonders, im Laufe der Handlung fällt die fehlende Sorgfalt aber auf.

Die Handlung entwickelt sich relativ langsam, bleibt durch das Geheimnis um Julian Carax und seinen verschollenen Büchern dennoch jederzeit spannend. Der Autor offenbart auf sehr prosaische Weise seine Liebe zu Büchern und findet schöne Worte. Mir hat u.a. die Stelle gefallen, in der es heißt, dass Bücher nur das ansprechen können, was im Leser bereits vorhanden ist.

Nach ungefähr der Hälfte stellte sich bei mir allerdings leichte Langeweile ein. Die Suche nach Julian Carax ist für sich gesehen zwar interessant, aber die angedeuteten Querverbindungen zum Leben von Daniel verlieren sich nach einer Weile fast vollständig und entpuppen sich als reines Konstrukt des Autoren. Auf die Spitze treibt er es, indem im letzen Viertel auf 100 Seiten eine losgelöste Zusammenfassung und Aufklärung der Ereignisse folgt. Für mich kam es recht überraschend und die zweitklassige Handlung auf Groschenroman Niveau hat mich völlig aus der Bahn geworfen. War das etwa schon alles?

Nein, war es nicht. Zum Schluss gibt es ein actionreiches, an den Haaren herbeigezogenes Finale, dass nicht so recht zum restlichen Teil des Buches zu passen scheint.

Ein Gesamturteil zu fällen fällt mir nicht leicht. Ich habe ein bisschen auf der Amazon Seite gespickt. Neben den sehr vielen positiven Besprechungen gibt es auch ca. 10 Prozent negative Meinungen, die sich mit meinen Eindrücken ungefähr decken. Mir hat die erste Hälfte sehr gut gefallen und ich war gespannt, wie sich die Handlung weiterentwickeln wird. Leider schafft der Autor es nicht, die gesponnenen Fäden sinnvoll zusammenzuführen bzw. ihnen die Bedeutung und Tiefe zu geben, die das Buch herausragend gemacht hätten. Stattdessen driftet es ins Triviale und Belanglose ab.

Auf Grund des guten Schreibstils kann ich jedem nur empfehlen, das Buch selbst zu lesen und ein eigenes Urteil zu fällen. Es gibt genug Leute, die sich an den Schwächen nicht stören werden und es lässt sich schwer einschätzen, wer in welche Kategorie gehört. Wer leichtere Lektüre bevorzugt, wird sich evtl. durch die erste Hälfte quälen aber danach entschädigt werden. Wer Bücher mit Tiefgang sucht, wird den Anfang mögen und später, so wie ich, enttäuscht sein. Wer irgendwo dazwischen liegt, wird ein neues Lieblingsbuch gefunden haben.

Juni 2008

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Seite zuletzt geändert am 06.February 2009, um 15:23