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Lesen Sie nicht diese Geschichte; blättern Sie schnell weiter. Die Geschichte könnte Sie stören. Überhaupt kennen Sie sie ja wahrscheinlich schon. Es ist eine sehr beunruhigende Geschichte. Jeder kennt sie. Der Ruhm und das Verbrechen des Kommandanten Suzdal wurden bereits in tausenden Varianten erzählt. Lassen Sie es nicht dazu kommen, dass Sie anfangen an die Geschichte zu glauben.
Sie ist nicht wahr. Überhaupt nicht. Nicht das kleinste bisschen. Es gibt keinen Planeten namens Arachosia, keine Klopts, keine Welt der Katzen. Diese sind alle reine Fantasiegebilde, es ist nichts passiert, vergessen Sie's, gehen Sie weiter, lesen Sie etwas Anderes.
Der Anfang
Kommandant Suzdal wurde in einem Muschelschiff ausgesandt, die entferntesten Bereiche unserer Galaxis zu erkunden. Man bezeichnete sein Schiff zwar als Kreuzer, aber er war der einzige Mensch an Bord. Er war ausgerüstet mit Hypnotika und Drama-Würfeln, um sich die Illusion von Gesellschaft zu verschaffen, eine große Menge freundlicher Menschen, die er aus seinen eigenen Halluzinationen entstehen lassen konnte.
Die Instrumentalität erlaubte ihm sogar, sich seine imaginäre Gesellschaft bis zu einem gewissen Grade selbst auszusuchen; jeder dieser Gefährten wurde verkörpert von einem kleinen Keramikwürfel, in dem sich das Gehirn eines Kleintieres befand, dem die Persönlichkeit eines real existierenden menschlichen Wesens aufgeprägt worden war.
Suzdal, ein untersetzter, stämmiger Mann mit einem jovialen Lächeln, kannte keine Scheu, seine Wünsche zu äußern.
»Gebt mir zwei gute Sicherheitsoffiziere. Ich kann das Schiff allein steuern, aber wenn ich mich in das Unbekannte wage, werde ich Hilfe benötigen, um auftretende unvorhersehbare Probleme zu lösen.«
Der Zeugmeister lächelte ihn an. »Ich habe noch nie von einem Kreuzer-Kommandanten gehört, der um Sicherheitsoffiziere bittet. Die meisten Leute halten sie für eine ausgesprochene Plage.«
»Das mag schon sein«, erklärte Suzdal, »aber ich denke anders darüber.«
»Möchten Sie nicht auch einige Schachspieler mit auf die Reise nehmen?«
»Ich spiele Schach«, sagte Suzdal, »soviel ich will, und zwar mit den Reservecomputern. Ich brauche nur ihre Leistungskraft reduzieren und schon beginnen sie zu verlieren. Bei voller Leistung schlagen sie mich immer.«
Der Offizier warf Suzdal einen merkwürdigen Blick zu. Er wirkte nicht direkt lüstern, aber sein Gesichtsausdruck wurde intim und ein wenig widerwärtig zugleich. »Wie ist es mit anderer Gesellschaft?« fragte er mit einem leisen vergnügten Unterton.
»Ich habe Bücher mitgenommen«, erklärte Suzdal, »ein paar tausend. Ich werde nur einige Jahre irdischer Zeitrechnung fort sein.«
»Lokal-subjektiv können daraus mehrere tausend Jahre werden«, bemerkte der Offizier, »obwohl die Zeit wieder zurücklaufen wird, wenn Sie sich wieder der Erde nähern. Und ich sprach nicht von Büchern«, sagte er noch einmal mit demselben vergnügten, neugierigen Ton in der Stimme.
Mit plötzlichem Ärger schüttelte Suzdal den Kopf, fuhr sich mit der Hand durch sein sandfarbenes Haar. Seine blauen Augen waren arglos und er blickte den Zeugmeister offen an. »Was meinen Sie dann, wenn Sie nicht von Büchern sprechen? Navigatoren? Die habe ich schon, gar nicht zu reden von den Schildkrötenmännern. Sie sind sehr unterhaltsam, wenn man langsam mit ihnen redet und ihnen genug Zeit zur Antwort einräumt. Vergessen Sie nicht, ich war schon einmal dort draußen…«
Der Offizier wurde jetzt deutlich. »Tänzerinnen. Frauen. Konkubinen. Möchten Sie davon nicht welche mitnehmen? Wir können Ihnen sogar einen Würfel mitgeben, dem die Persönlichkeit Ihrer Frau aufgeprägt ist. Auf diese Art kann sie bei Ihnen sein.«
Suzdal machte ein Gesicht, als ob er aus schierem Ekel auf den Boden spucken wollte. »Alice? Sie meinen, Sie wollen mich mit ihrem Bewußtsein herumreisen lassen? Was würde die wirkliche Alice dazu sagen, wenn ich wieder zu Hause bin? Sagen Sie nun ja nicht, daß Sie meine Frau einem Mausegehirn aufprägen wollen. Sie bieten mir da ja den reinen Wahnsinn an. Ich muß dort draußen meine Sinne beisammenhalten, wo der Raum und die Zeit in großen Wellen über mir zusammenschlagen. Ich werde auch so schon genug überschnappen. Vergessen Sie nicht, daß ich schon einmal dort draußen war. Die Rückkehr zur wirklichen Alice wird einer meiner stärksten Realitätsfaktoren sein. Es wird mir bei meiner Heimkehr helfen.« An dieser Stelle gewann Suzdals eigene Stimme einen vertraulichen Klang, als er hinzufügte: »Nun sagen Sie bloß noch, daß eine Menge Kreuzer-Kommandanten darum bitten, mit imaginären Frauen herumzufliegen. Wenn Sie mich fragen, also, das wäre ja verdammt widerlich. Machen das wirklich viele von ihnen?«
»Wir sind hier, um Ihr Schiff auszurüsten und nicht, um darüber zu diskutieren, was andere Kommandaten tun oder lassen. Manchmal halten wir es für notwendig, daß eine Gefährtin den Kommandanten begleitet, auch wenn sie nur eine imaginäre Person ist. Falls Sie jemals zwischen den Sternen auf etwas stoßen, das weibliche Gestalt annimmt, dann werden Sie dem kaum widerstehen können.«
»Frauen? Zwischen den Sternen? Quatsch!« rief Suzdal.
»Es sind schon seltsamere Dinge passiert«, wandte der Offizier ein.
»Aber nicht so etwas«, winkte Suzdal ab. »Schmerz, Wahnsinn, Verwirrung, endlose Panik, Heißhunger – ja, so etwas erwarte ich und kann dem widerstehen. Diese Dinge halten sich schon für mich bereit. Aber Frauen? Nein. Dort gibt es keine. Ich liebe meine Frau. Ich bin nicht für Weiber, die nur in meinen Gedanken existieren. Schließlich habe ich die Schildkrötenmenschen an Bord, und die werden ihre Kinder aufziehen. Ich werde genug Familienleben haben, an dem ich teilnehmen kann und um das ich mich kümmern muß. Ich kann sogar Weihnachtsfeiern für die Kinder veranstalten.«
»Was sind denn das für Feiern?« fragte der Zeugmeister.
»Nur ein hübsches altes Ritual, von dem mir einmal ein Außenpilot erzählt hat. Man überreicht den jungen Dingern Geschenke; einmal in jedem lokal-subjektiven Jahr.«
»Das klingt nett«, gab der Offizier zu, der allmählich genug von dem Gespräch zu haben schien. »Sie weigern sich also noch immer, eine Würfel-Frau mit an Bord zu nehmen?«
»Sie sind noch nicht geflogen, oder?« fragte Suzdal.
Diesmal war der Offizier an der Reihe, verlegen zu werden.
»Nein«, erwiderte er knapp.
»Ich werde über alles nachdenken, was sich in dem Schiff befindet. Ich bin eine fröhliche Natur und sehr umgänglich. Lassen Sie mich ruhig mit meinen Schildkrötenmenschen ziehen. Sie sind nicht sehr lebhaft, aber taktvoll und ruhig. Zweitausend oder sogar mehr Jahre lokal-subjektiver Zeit – das ist eine verdammt große Spanne. Bürden Sie mir nicht noch mehr Entscheidungen auf. Es bedeutet schon genug Arbeit, das Schiff zu steuern. Lassen Sie mir nur meine Schildkrötenmenschen. Ich bin schon früher gut mit ihnen ausgekommen.«
»Sie sind der Kommandant, Suzdal«, sagte der Zeugmeister. »Wir tun nur, was Sie sagen.«
»Schön«, lächelte Suzdal. »Sie haben es hier vermutlich mit den seltsamsten Gestalten zu tun, aber ich gehöre nicht zu denen.«
Die beiden Männer lächelten einander verstehend zu und die Ausrüstung des Schiffes war damit abgeschlossen.
Das Schiff selbst wurde von Schildkrötenmenschen bedient, die nur sehr langsam alterten, und während das Schiff Kurs auf den äußeren Rand der Galaxis nahm und Suzdal die Jahrtausende – lokaler Zeitrechnung – in seinem Gefrierbett verschlief, wuchs eine Generation Schildkrötenmenschen nach der anderen heran, bildeten ihren Nachwuchs für die Bedienung des Schiffes aus, erzählten die Legende von der Erde, die sie nie sehen würden, und überwachten korrekt die Computer, um Suzdal erst dann zu wecken, wenn der Eingriff eines Menschen erforderlich war. Von Zeit zu Zeit erwachte Suzdal, erledigte seine Arbeit und schlief dann weiter. Er hatte den Eindruck, daß er die Erde erst vor wenigen Monaten verlassen hatte.
Aber was für Monate! Es war schon mehr als zehn subjektiver Jahrtausende unterwegs, als er auf die Sirenenkapsel stieß.
Sie wirkte wie eine gewöhnliche Notsignalkapsel. Diese Sonden wurden oft in den Weltraum geschossen, um von irgendwelchen Schwierigkeiten im Schicksal der Menschen zwischen den Sternen zu berichten. Diese Kapsel hatte offenbar eine ungeheure Entfernung zurückgelegt, und durch diese Sonde erfuhr Suzdal die Geschichte von Arachosia.
Die Geschichte war eine Lüge. Die Gehirne eines ganzen Planeten – das wilde Genie einer bösartigen, unglücklichen Rasse – waren allein dem Problem gewidmet worden, wie man einen normalen Piloten von der alten Erde umgarnen und anlocken konnte. Die Geschichte und der Gesang der Kapsel vermittelte die reiche Persönlichkeit einer wundervollen Frau mit einer tiefen Altstimme. Die Geschichte stimmte – zum Teil. Die Verlockung war Wirklichkeit – zum Teil. Suzdal hörte der Geschichte zu und sie sank wie ein wundervoll orchestrierter Teil einer großen Oper tief in die Fasern seines Gehirns. Es wäre anders verlaufen, hätte er die wahre Geschichte gekannt.
Heute kennt jeder die wahre Geschichte von Arachosia, die bittere Geschichte eines Planeten, der ein Paradies gewesen war und sich in eine Hölle verwandelt hatte. Die Geschichte, wie Menschen sich zu dem entwickeln konnten, das etwas völlig anderes als ein Mensch war. Die Geschichte von den Ereignissen, die sich weit draußen am schrecklichsten Ort zwischen den Sternen abgespielt hatten.
Er wäre geflohen, wenn er die wahre Geschichte gekannt hätte. Er konnte nicht ahnen, was wir heute wissen:
Die Menschheit konnte nicht den furchtbaren Wesen von Arachosia begegnen, ohne daß diese Wesen von Arachosia den Menschen in ihre Heimat folgten und ihnen Kummer brachten, der größer war als Kummer, Wahnsinn, der schlimmer war als aller Wahnsinn, eine Seuche, die alle vorstellbaren Seuchen weit übertraf. Die Arachosianer waren Unmenschen geworden, und trotzdem, in dem innersten Kern ihrer Persönlichkeit, waren sie doch Menschen geblieben. Sie sangen Lieder, in denen sie ihre Verstümmelung verherrlichten und in denen sie sich für das preisten, was sie auf so entsetzliche Weise geworden waren, und dennoch, in ihren eigenen Liedern, in ihren eigenen Balladen, erhob sich wie ein Orgelklang der Refrain:
Und ich trauer’ um den Menschen!
Sie wußten, was sie waren, und sie haßten sich selbst. Und weil sie sich selbst haßten, verfolgten sie die Menschheit.
Vielleicht verfolgen sie die Menschheit noch heute.
Die Instrumentalität hat in der Zwischenzeit sorgfältige Vorkehrungen getroffen, daß uns die Arachosianer nicht erneut finden, sie hat am Rande der Galaxis Netze der Täuschung gesponnen, um dafür zu sorgen, daß diese verlorenen, zerstörten Menschen uns nicht ein zweitesmal aufspüren. Die Instrumentalität weiß Bescheid und bewacht unsere Welt und alle andere Welten der Menschheit und hält die Verderbtheit von uns fern, zu der Arachosia geworden ist. Wir wollen mit den Arachosianern nichts zu tun haben. Laßt sie ruhig Jagd auf uns machen. Sie werden uns nicht finden.
Doch woher sollte Suzdal dies wissen?
Dies war das erste Zusammentreffen eines Menschen mit den Arachosianern, und er traf sie nur in Gestalt einer Botschaft, in der eine Elfenstimme das Elfenlied vom Untergang angestimmt hatte und mit der perfekten, klaren Beherrschung der alten gebräuchlichen Sprache eine Geschichte erzählte, die so traurig, so furchtbar war, daß die Menschheit sie selbst bis heute noch nicht vergessen konnte. Folgendes hat Suzdal gehört und nach ihm die ganze Menschheit…
Die Arachosianer waren Kolonisten. Kolonisten konnten mit Segelschiffen auswandern, hinter ihnen her in den Kapseln treiben. Dies war die eine Möglichkeit.
Oder sie konnten hinausfahren mit Planoformschiffen, Schiffen, die von erfahrenen Männern gesteuert wurden und in den Raum hoch zwei eintauchten und ihn wieder verließen und den Menschen neu erschufen.
Und sehr, sehr weite Entfernungen konnten sie mit der neuen Kombination überwinden. Die einzelnen Kapseln wurden in ein gewaltiges Muschelschiff verfrachtet, einer gigantischen Ausgabe von Suzdals eigenem Schiff. Die Schläfer wurden eingefroren, die Maschinen überwacht, das Schiff beschleunigte bis über die Lichtgeschwindigkeit hinaus, tauchte unter den Raum weg, kam an einem unbekannten und nicht vorhersehbaren Ort wieder heraus und nahm Kurs auf das vielversprechendste Ziel. Es war ein Spiel, aber mutige Menschen wagten es. Wenn kein Ziel gefunden wurde, mochten die Maschinen auf ewig den Weltraum durchkreuzen, während die Menschen, obwohl durch das Einfrieren geschützt, Stück für Stück verfaulten und das schwache Lebenslicht erlosch.
Die Muschelschiffe waren die Antwort der Menschheit auf eine Überbevölkerung, der weder der alte Planet Erde noch seine Tochterplaneten gewachsen waren. Die Muschelschiffe trugen die Tollkühnen, die Verwegenen, die Romantischen, die Mutwilligen und manchmal auch die Kriminellen hinaus zwischen die Sterne. Immer wieder aufs neue verlor die Menschheit die Spur dieser Schiffe. Die von der Instrumentalität ausgeschickten Kundschafter stolperten über menschliche Wesen, Städte und Zivilisationen, von hohem oder niedrigem Entwicklungsstand, Stämme oder Familien, dort, wo die Muschelschiffe niedergegangen waren, weit, weit außerhalb der fernsten Grenzen der Menschheit, wo die Suchinstrumente einen erdähnlichen Planeten entdeckt hatten und die Muschelschiffe wie große sterbende Insekten den Planeten entgegengestürzt waren, während sie die Menschen auftauten, auseinanderbrachten und sich selbst zerstörten, um die wiedergeborenen Menschen zur Besiedlung der Welten zu entlassen.
Arachosia erschien den Männern und Frauen, die auf ihn trafen, wie ein guter Planet. Wunderschöne Strande, wo wie eine endlose Riviera Klippen in die Höhe wuchsen. Zwei helle, große Monde am Himmel, eine Sonne, die nicht zu weit entfernt war. Die Maschinen hatten die Atmosphäre bereits getestet und Wasserproben entnommen, hatten schon die Keime von Lebensformen der alten Erde in die Atmosphäre und die Ozeane gestreut, so daß die Menschen nach ihrem Erwachen den Gesang irdischer Vögel hörten und wußten, daß die irdischen Fische bereits an die Ozeane angepaßt waren und sich vermehrten. Ein gutes Leben, ein erfülltes Leben schien sie zu erwarten. Alles entwickelte sich vielversprechend.
Die Umstände waren sehr, sehr gut für die Arachosianer.
Dies ist die Wahrheit.
Dies war soweit die Geschichte, die die Kapsel erzählte.
Doch dann begann sie von der Wahrheit abzuweichen.
Die Kapsel verriet nicht die grausige, erbärmliche Wahrheit über die Arachosianer. Sie erfand eine Reihe plausibel klingender Lügen. Die Stimme, die auf telepathischem Wege aus der Kapsel drang, war die einer reifen, warmherzigen, unglücklichen Frau – einer Frau in den besten Jahren, mit einer wohlklingenden tiefen Altstimme.
Suzdal bildete sich fast ein, daß er mit ihr sprach, so real wirkte ihre Persönlichkeit. Wie konnte er wissen, daß er getäuscht, in eine Falle gelockt wurde?
Alles klang vernünftig, wirklich vernünftig.
»Und dann«, fuhr die Stimme fort, »traf uns die arachosianische Krankheit. Landet nicht. Bleibt fort. Redet mit uns. Redet mit uns über Medizin. Unsere Kinder sterben ohne Grund. Unsere Farmen sind fruchtbar und der Weizen hier ist goldener als einst auf der Erde, die Pflaumen sind blauer, die Blüten weißer. Alles ist in Ordnung – mit Ausnahme der Menschen.«
»Unsere Kinder sterben…«, sagte die Frauenstimme und verstummte mit einem Seufzer.
»Gibt es irgendwelche Symptome?« dachte Suzdal, und als ob die Kapsel diese gedachte Frage verstanden hätte, fuhr sie fort.
»Sie sterben an nichts. Nichts, das unsere Medizin testen, nichts, das unsere Wissenschaft erforschen kann. Sie sterben. Unsere Bevölkerung geht zurück. Menschen, vergeßt uns nicht! Menschen, wo immer ihr auch seid, kommt rasch, kommt jetzt, bringt Hilfe! Aber um euretwillen – landet nicht. Bleibt im Orbit und beobachtet uns mit euren Bildschirmen, damit ihr in der Heimat berichten könnt von den verlorenen Kindern der Menschheit zwischen den fremden und fernsten Sternen!«
Fremd waren sie tatsächlich!
Die Wahrheit aber war weit fremdartiger, und darüber hinaus sehr häßlich.
Suzdal war von der Richtigkeit der Botschaft überzeugt. Man hatte ihn für die Reise ausgewählt, weil er gutmütig, intelligent und tapfer war; dieser Appell stieß bei allen dreien dieser Eigenschaften auf Resonanz.
Später, viel später, als man ihn gefangengesetzt hatte, fragte man Suzdal: »Suzdal, Sie Narr, warum haben Sie die Botschaft nicht überprüft? Sie haben die Sicherheit der gesamten Menschheit für einen albernen Appell aufs Spiel gesetzt!«
»Er war nicht albern!« schnappte Suzdal. »Diese Notsignalkapsel besaß eine traurige, wundervolle Frauenstimme und die Geschichte hielt ich für wahr.«
»Wie kamen Sie darauf?« erkundigte sich der Ermittlungsbeamte gepreßt und verwirrt.
Suzdals Antwort auf diese Frage klang müde und traurig. »Durch meine Bücher. Durch meine Erfahrung.« Zögernd fügte er hinzu: »Und durch meine eigene Entscheidung…«
»War Ihre Entscheidung richtig?« fragte der Ermittlungsbeamte.
»Nein«, gab Suzdal zu und ließ dies eine Wort im Räume stehen, als ob es das letzte Wort wäre, das er jemals von sich geben würde.
Aber Suzdal selbst brach dann das Schweigen, indem er fortfuhr: »Bevor ich auf Kurs ging und mich schlafen legte, aktivierte ich meine Sicherheitsoffiziere in den Würfeln und ließ sie die Geschichte überprüfen. Natürlich ermittelten sie die wahre Geschichte von Arachosia. Sie rekonstruiertem sie durch Kreuzentzifferung aus den Mustern der Notsignale und berichteten mir sofort, nachdem ich aufgewacht war, die ganze wahre Geschichte.«
»Und was haben Sie getan?«
»Das, was ich getan habe. Ich tat, wofür Sie mich jetzt vermutlich bestrafen werden. Zu diesem Zeitpunkt liefen die Arachosianer schon um mein Schiff herum. Sie hatten mein Schiff aufgebracht. Woher sollte ich auch wissen, daß die wundervolle traurige Geschichte nur auf die ersten zwanzig Jahre zutraf, von denen die Frau berichtet hatte? Und sie war nicht einmal eine Frau. Nur ein Klopte.«
In den ersten zwanzig Jahren hatten sich die Dinge für die Arachosianer gut entwickelt. Dann brach das Unglück über sie herein, aber in anderer Form, als es der Bericht der Notsignalkapsel verbreitet hatte.
Sie konnten es nicht begreifen. Sie wußten nicht, wie ihnen geschah. Sie verstanden nicht, warum erst zwanzig Jahre, drei Monate und vier Tage vergehen mußte. Doch dann war es soweit.
Wir vermuten, daß es an der Strahlung ihrer Sonne gelegen haben muß. Oder vielleicht an einer Kombination der Sonnenstrahlung und der planetaren Chemie, die nicht einmal die weisen Maschinen in dem Muschelschiff hinreichend analysieren konnten, doch es griff um sich und verbreitete sich überall. Das Unglück schlug zu.
Sie besaßen Ärzte. Sie besaßen Krankenhäuser. Aber nicht genug, um der Katastrophe zu begegnen. Sie war einfach, monströs, umfassend.
Weiblichkeit war karzinogen geworden
Alle Frauen bekamen zur selben Zeit Krebsgeschwülste, überall auf dem Planeten, und sie erkrankten an den Lippen, an den Brüsten, am Unterleib, manchmal am Rande des Kiefers, in den Mundwinkeln, an allen empfindlichen Körperteilen. Der Krebs trat in vielen verschiedenen Formen auf, doch es war immer die gleiche Krankheit. Es mußte an irgendeiner Strahlung liegen, die den menschlichen Körper durchdrang und dazu führte, daß sich eine bestimmte Form von Desoxycorticosteron in eine – auf der Erde unbekannte – Abart von Pregnandiol verwandelte, die unweigerlich Krebs erzeugte. Die Krankheit griff ungeheuer schnell um sich.
Die neugeborenen Mädchen starben zuerst. Die Frauen klammerten sich verzweifelt an ihre Männer, ihre Väter. Die Mütter versuchten, sich von ihren Söhnen zu verabschieden.
Unter den Ärzten gab es eine Frau, eine starke Frau.
Rücksichtslos schnitt sie lebendes Gewebe aus ihrem eigenen Körper, legte es unter das Mikroskop, nahm Proben von ihrem Urin, ihrem Blut, ihrem Speichel, und sie erhielt schließlich die Antwort: Es gab keine Antwort. Und trotzdem gab es etwas, das zugleich besser und schlechter als eine Antwort war.
Wenn Arachosias Sonne alles tötete, was weiblich war, wenn die weiblichen Fische bäuchlings auf der Oberfläche der Meere trieben, wenn die weiblichen Vögel einen schrilleren, wilderen Gesang anstimmten, während sie über den Eiern starben, die niemals ausgebrütet werden würden, wenn die weiblichen Tiere in den Höhlen grunzten und knurrten, in denen sie sich in ihrem Schmerz versteckt hatten, so brauchten die weiblichen menschlichen Wesen den Tod noch lange nicht so ergeben hinnehmen. Die Ärztin hieß Astarte Kraus.
Die Magie der Klopten
Die menschliche Frau konnte etwas tun, was den weiblichen Tieren verwehrt blieb. Sie konnte männlich werden. Mit der Hilfe der Schiffsausrüstung wurden ungeheure Mengen von Testosteron hergestellt, und jedes einzelne Mädchen und jede einzelne Frau, die noch am Leben waren, wurden in einen Mann verwandelt. Jede erhielt starke Injektionen. Ihre Gesichter wurden kantiger, sie wuchsen alle ein Stück, ihre Brüste verflachten sich, ihre Muskeln wurden kräftiger, und in weniger als drei Monaten waren sie Männer geworden. Einige niedere Lebensformen hatten überlebt, weil bei ihnen keine klare Trennung in männlich und weiblich vorlag und es kein Geschlecht gab, das auf jene bestimmte organische Substanz zur Fortpflanzung angewiesen war. Da die Fische ausgestorben waren, breiteten sich Wasserpflanzen in den Ozeanen aus; die Vögel waren verschwunden, doch die Insekten hatten überlebt – Libellen, Schmetterlinge, mutierte Arten von Heuschrecken, Käfern und anderen Insekten schwärmten über den Planeten. Die Männer, die ihre Frauen verloren hatten, arbeiteten Seite an Seite mit den Männern, die aus den Körpern der Frauen gemacht worden waren.
Wenn sie einander kannten, war jede Begegnung unendlich traurig. Ehemann und Ehefrau, beide bärtig, stark, streitsüchtig, verzweifelt und beschäftigt. Die kleinen Jungen, die irgendwie erkannten, daß sie aufwachsen würden, ohne jemals einen Schatz, eine Frau zu haben, ohne jemals zu heiraten und Töchter zu bekommen.
Doch was bedeutet schon eine einzige Welt für den rastlosen Geist und den brillanten Intellekt von Dr. Astarte Kraus? Sie wurde zur Führerin ihres Volkes, der Männer und der Mannweiber. Sie trieb sie an, sie brachte sie dazu, zu überleben und den klaren Verstand zu behalten.
(Vielleicht hätte sie sie alle sterben lassen, wäre sie ein mitfühlender Mensch gewesen. Aber es lag nicht in der Natur von Dr. Kraus, mitfühlend zu sein – sie war nur brillant, rücksichtslos und unbeugsam dem Universum gegenüber, das versucht hatte, sie zu vernichten.)
Bevor sie starb, hatte Dr. Kraus ein sorgfältiges genetisches Programm entwickelt. Kleine Teile männlichen Gewebes konnten nun mittels eines unkomplizierten chirurgischen Eingriffs in den Unterleib verpflanzt werden, knapp unterhalb des Bauchfelles; eine künstliche Gebärmutter und künstlich erzeugte chemische Prozesse und künstliche Befruchtung durch Bestrahlung und Erwärmung machten es möglich, daß Männer männliche Kinder zur Welt bringen konnten.
Was hätte es auch für einen Sinn ergeben, Mädchen zu bekommen, wenn sie doch alle anschließend starben? Die Menschen von Arachosia lebten weiter. Die erste Generation arbeitete weiter trotz der Tragödie, halb verrückt vor Gram und Enttäuschung. Sie schickten Signalkapseln aus und sie wußten, daß ihre Botschaften die Erde erst in sechs Millionen Jahren erreichen würden.
Als Pioniere hatten sie es gewagt, weiter hinauszufahren als jedes andere Schiff vor ihnen. Sie hatten eine gute Welt entdeckt, aber sie waren sich nicht völlig sicher, wo sie sich wirklich befanden. Waren sie noch immer in ihrer vertrauten Galaxis oder waren sie hinausgesprungen zu einer der zur lokalen Gruppe gehörenden Milchstraße? Sie wußten es nicht genau. Es gehörte zur Politik der alten Erde, die Kolonistengruppen nicht allzu umfangreich auszurüsten, aus Furcht, daß einige von ihnen einen umfassenden kulturellen Wandel durchmachen oder angriffslustige Eroberer werden und zurück zur Erde kehren und sie zerstören würden. Die Erde war stets darauf bedacht, die besten Trümpfe in der Hand zu halten.
Die dritte und vierte und fünfte Generation der Arachosianer waren noch immer Menschen. Und allesamt Männer. Sie verfügten noch über die Geschichte der Menschheit, sie besaßen menschliche Bücher, sie kannten die Worte »Mama« und »Schwester« und »Liebling«, aber sie wußten nicht mehr genau, was diese Bezeichnungen wirklich bedeuteten.
Der menschliche Körper, der auf der Erde vier Millionen Jahre zu seiner Entwicklung benötigt hatte, verfügte über ungeheure Reserven, über Reserven, die größer waren als das Gehirn oder die Persönlichkeit oder die Hoffnungen des Einzelnen. Und die Körper der Arachosianer trafen ihre Entscheidungen. Da die Chemie des weiblichen Geschlechtes den sofortigen Tod bedeutete und da hin und wieder ein Mädchen tot geboren und achtlos begraben wurde, nahmen die Körper von sich aus die erforderliche Anpassung vor. Die Menschen von Arachosia wurden zugleich Männer und Frauen. Sie verliehen sich selbst den häßlichen Spitznamen »Klopten«. Da sie den wohltuenden Einfluß des Familienlebens nicht kannten, wurden sie zu prahlerischen Streithähnen, die ihre Liebe mit Mord würzten, ihre Lieder mit Duellen anreicherten, die ihre Waffen schärften und sich das Recht verdienten, sich in einem fremdartigen Familiensystem fortzupflanzen, dem kein anständiger Erdenmensch Verständnis entgegenbringen konnte.
Aber sie überlebten.
Und die Methode ihres Überlebens war so streng, so grausam, daß es in der Tat schwerfiel, sie zu verstehen.
In weniger als vierhundert Jahren hatten sich die Arachosianer zu Gruppen untereinander verfeindeter Clans zusammengeschlossen. Sie besaßen noch immer einen Planeten, der um eine einzige Sonne kreiste. Sie lebten nur an einem Ort. Sie besaßen einige Raumschiffe, die sie selbst entwickelt hatten. Ihre Wissenschaft, ihre Kunst und ihre Musik schritten voran in seltsamen, neurotischen inspirierten Entwicklungssprüngen, denn ihnen mangelte es an den fundamentalen Strukturen der menschlichen Persönlichkeit selbst, an dem Gleichgewicht zwischen Mann und Frau, an der Familie, den Wirkungen der Liebe, der Hoffnung, der Fortpflanzung. Sie überlebten, aber sie waren zu Ungeheuern geworden, ohne es selbst zu wissen.
Aus ihrer Erinnerung an die alte Menschheit erschufen sie eine Legende von der alten Erde. In dieser Erinnerung waren Frauen Mißgeburten, die getötet werden mußten. Unglückselige Geschöpfe, die ausgerottet werden durften. Die Familie, so erinnerten sie sich, war etwas Schmutziges und Abartiges, das sie ausrotten wollten, falls sie ihr jemals begegneten.
Sie selbst waren bärtige Homosexuelle mit geschminkten Lippen, prächtigen Ohrringen, kunstvollen Frisuren, und unter ihnen gab es nur sehr wenige alte Männer. Sie töteten ihre Leute, bevor sie alt werden konnten; die Dinge, die sie nicht aus Liebe, Entspannung oder Trost gewannen, holten sie sich mit Schlachten und dem Tod. Sie dichteten Lieder, in denen sie sich selbst als die letzten der alten Menschen und die ersten der neuen Menschen rühmten, und sie besangen ihren Haß auf die Menschheit, der sie vielleicht einst begegnen würden, und sie sangen »Verloren ist die Erde, sollten wir sie jemals finden«, und trotzdem trieb sie etwas in ihren Innern dazu, an jedes Lied einen Refrain anzufügen, der sie selbst beunruhigte:
Und ich trauer’ um den Menschen!
Sie trauerten um die Menschen und dennoch verschworen sie sich, alles anzugreifen, was menschlich war.
Die Falle
Suzdal war von der Signalkapsel getäuscht worden. Er legte sich zurück in das Schlafsegment und wies die Schildkrötenmenschen an, den Kreuzer nach Arachosia zu steuern, wo immer sich dieser Planet auch befinden mochte. Er handelte nicht aus Wahnwitz oder Leichtfertigkeit. Er handelte aufgrund reiflicher Überlegung. Und diese Entscheidung führte dazu, daß man ihn später verhörte, anklagte, gerecht verurteilte und ihm eine Strafe auferlegte, die schlimmer war als der Tod.
Er hatte sie verdient.
Er suchte nach Arachosia, ohne auch nur einen Gedanken an das grundlegenste Gesetz zu verschwenden: Wie konnte er die Arachosianer, jene singenden Ungeheuer, davon abhalten, ihm zu folgen, um womöglich die Erde zu verwüsten? Hätte nicht ihr Zustand eine ansteckende Krankheit sein können, oder hätte nicht ihre grausame Zivilisation die anderen Zivilisationen der Menschen vernichten und die Erde und alle anderen Planeten der Menschheit ins Verderben stürzen können? Er dachte nicht einmal an diese Möglichkeit, und so wurde er viel später verhört und angeklagt und verurteilt. Doch dazu kommen wir noch.
Die Ankunft
Suzdal erwachte im Orbit um Arachosia. Er erwachte in dem Bewußtsein, daß er einen Fehler begangen hatte. Fremde Schiffe klebten an seinem Muschelschiff wie bösartige Wasserkletten eines unbekannten Meeres an einem vertrauten Wasserschiff. Er rief seinen Schildkrötenmenschen zu, die Kontrollen zu bedienen und die Kontrollen funktionierten nicht.
Jene dort draußen – wer immer sie auch waren, Männer oder Frauen, Bestien oder Götter – waren technisch ausreichend entwickelt, sein Raumschiff lahmzulegen. Natürlich erwog er den Gedanken, sich und das Schiff zu zerstören, aber er fürchtete, daß er zwar sich selbst vernichten konnte, nicht aber das gesamte Schiff, und dann bestand die Möglichkeit, daß sein Kreuzer, ein neues Modell mit modernsten Waffen, in die Hände derjenigen fallen würde, die da auf der Außenzelle seines eigenen Kreuzers herumspazierten. Er durfte das Risiko eines allein individuellen Selbstmordes nicht eingehen. Er mußte einen drastischen Schritt unternehmen. Jetzt war keine Zeit, sich an die irdischen Vorschriften zu halten.
Sein Sicherheitsoffizier – ein Würfelgeist, der zu menschlicher Gestalt aktiviert worden war – flüsterte ihm die ganze Geschichte in flinken, klugen Seufzern zu.
»Sie sind Menschen, Sir.
Menschlicher als ich es bin.
Ich bin ein Geist, ein Echo, das in einem toten Gehirn hallt.
Dies sind wirkliche Menschen, Kommandant Suzdal, aber es sind die schrecklichsten Menschen, die jemals zwischen den Sternen verlorengingen. Sie müssen sie vernichten, Sir!«
»Ich kann es nicht«, sagte Suzdal, der noch immer dabei war, ganz wach zu werden. »Es sind Menschen.«
»Dann müssen Sie sie in die Flucht schlagen. Unter allen Umständen, Sir. Mit allen Mitteln. Retten Sie die Erde. Halten Sie sie auf. Warnen Sie die Erde.«
»Und ich?« fragte Suzdal und bereute im gleichen Augenblick, diese selbstsüchtige, persönliche Frage gestellt zu haben.
»Sie werden sterben oder Sie werden bestraft werden«, erwiderte der Sicherheitsoffizier mitleidig, »und ich weiß nicht, was von den beiden Dingen schlimmer ist.«
»Jetzt?«
»Ja, augenblicklich. Sie dürfen keine Zeit verlieren. Keine Sekunde.«
»Aber die Vorschriften…?«
»Sie haben die Vorschriften bereits übertreten.«
Es gab Vorschriften, aber Suzdal ließ sie alle hinter sich.
Vorschriften… Vorschriften für normale Zeiten, für normale Orte, für kalkulierbare Gefahren.
Dies war ein Alptraum, der aus dem Fleisch des Menschen selbst entstand und von dem Gehirn des Menschen gelenkt wurde. Schon lieferten ihm seine Monitoranlagen Informationen darüber, wer diese Menschen waren, diese scheinbar Verrückten, diese Männer, die niemals Frauen gekannt hatten, diese Jungen, die mit Wollust und Kampf aufgewachsen waren, die über eine Familienstruktur verfügten, die das normale menschliche Gehirn nicht akzeptieren, nicht fassen, nicht tolerieren konnte. Die Dinge dort draußen waren Menschen und sie waren es doch nicht. Die Dinge dort draußen besaßen das menschliche Gehirn, die menschliche Vorstellungskraft und die menschliche Fähigkeit zur Rache, und obwohl Suzdal ein mutiger Offizier war, ängstigte ihn allein die Natur dieser Wesen derart, daß er nicht einmal auf ihre Kommunikationsversuche antwortete.
Er spürte, wie die Schildkrötenfrauen unter seiner Besatzung vom Grauen selbst gepeinigt wurden, als sie erkannten, wer da an ihr Schiff klopfte und was das für Geschöpfe waren, die ihre leistungsstarken Lautsprecher Hinein! Hinein! Hinein! singen ließen.
Suzdal beging ein Verbrechen. Die Instrumentalität ist stolz darauf, daß sie es ihren Offizieren gestattet, Verbrechen oder Fehler oder Selbstmord zu begehen. Die Instrumentalität erfüllt ihre Pflicht der Menschheit gegenüber auf eine Weise, die für jeden Computer unmöglich ist. Die Instrumentalität läßt das menschliche Gehirn, den menschlichen Willen unangetastet.
Die Instrumentalität teilt ihren Organen dunkles Wissen mit, Dinge, die gewöhnlich auf den bewohnten Welten unbekannt sind, Dinge, die normalen Männern und Frauen vorenthalten werden, weil die Offiziere der Instrumentalität, die Kapitäne und die Führer und Unterführer ihre Arbeit tun müssen. Könnten sie das nicht, würde die gesamte Menschheit untergehen.
Suzdal griff in sein Arsenal. Er wußte, was er tat. Der größere Mond von Arachosia war bewohnbar. Er sah, daß es schon irdische Pflanzen auf ihm gab, und irdische Insekten. Seine Monitoranlagen zeigten ihm, daß sich die arachosianischen Mannweiber nicht die Mühe gemacht hatten, den planetenähnlichen Mond zu besiedeln. Er richtete eine dringliche Anfrage an seine Computer.
Er rief: »Sagt mir, welches Alter er besitzt!«
»Mehr als dreißig Millionen Jahre«, sang die Maschine.
Suzdal verfügte über seltsame Dinge. Er hatte von beinahe jedem irdischen Tier ein oder zwei Pärchen an Bord. Die irdischen Tiere wurden in winzigen Kapseln transportiert, nicht größer als Medizinkapseln, und sie bestanden aus dem Sperma und den Eizellen höherer Lebensformen, bereits befruchtet, bereit entwickelt zu werden; darüberhinaus besaß er kleine Lebensbomben, die jedem Tier zumindest die Chance zum Überleben bieten konnten.
Er trat an die Bank und wählte die Katzen, acht Pärchen, insgesamt sechzehn irdische Katzen, von der Gattung felis domesticus, jene Katzenart, die Sie und ich kennen, die Katzen, die man manchmal zu telepathischen Zwecken züchtet, um sie auf Schiffen als Hilfswaffen einzusetzen, sobald die Gedanken der Lichtstecher sie dirigieren und auftretende Gefahren bekämpfen.
Er kodierte diese Katzen. Er kodierte sie mit Geninformationen, die so ungeheuerlich waren wie die Geninformationen, die die Mannweiber von Arachosia in Monstren verwandelt hatten. Hier ist es, womit er sie kodierte:
Pflanzt euch nicht normal fort.
Entwickelt eine neue Chemie.
Ihr werdet dem Menschen dienen.
Schafft eine Zivilisation.
Lernt sprechen.
Ihr werdet dem Menschen dienen.
Wenn der Mensch euch ruft, dann werdet ihr ihm zu Diensten sein.
Geht zurück und tretet ans Licht.
Dient dem Menschen.
Diese Instruktionen waren nicht lediglich von verbaler Natur. Sie waren unmittelbar der molekularen Struktur der Tiere aufgeprägt worden. Es waren Einschübe in dem genetischen und biologischen Kode, nach dem sich diese Katzen entwickelten. Und dann verstieß Suzdal gegen die Gesetze der Menschheit. An Bord des Schiffes befand sich ein chronopathisches Gerät. Ein Zeitverzerrer, der normalerweise nur für ein oder zwei Sekunden benutzt wurde, um das Schiff vor völliger Zerstörung zu bewahren.
Die Mannweiber von Arachosia schnitten sich bereits den Weg durch die Schiffshülle.
Er hörte, wie sie mit ihren hohen, heulenden Stimmen kreischten und einander in irrwitzigem Vergnügen zujohlten, als sie ihn erblickten, das erste der Ungeheuer von der alten Erde, das in ihre Hände fiel. Der wahre, böse Mensch, an dem sie, die Mannweiber von Arachosia, Rache nehmen würden.
Suzdal blieb gelassen. Er kodierte die genetischen Katzen. Er verfrachtete sie in die Lebensbomben. Er justierte die Kontrollen der chronopathischen Maschine auf einem verbotenen Wege, so daß statt einer Sekunde für ein Schiff von achtzigtausend Tonnen zwei Millionen Jahre für eine Ladung von weniger als vier Kilo erreicht wurde. Er katapultierte die Katzen auf den namenlosen Mond von Arachosia.
Und rechtzeitig katapultierte er sie zurück.
Und er wußte, daß er nicht zu warten brauchte.
Er brauchte wirklich nicht zu warten.
Das Katzenland, das Suzdal erschuf
Die Katzen kamen an. Ihre Schiffe glitzerten am nackten Himmel über Arachosia. Ihre kleinen Schlachtschiffe griffen an. Die Katzen, die vor einem Augenblick noch nicht existiert hatten, denen dann aber eine Zeit von zwei Millionen Jahren vergönnt gewesen war, in denen sie ihr Schicksal erfüllten, wie es die Programmierung ihrer Gehirne befahl, die Kodierung ihres Rückenmarks, die Manipulierung ihrer Körperchemie und ihrer Persönlichkeiten… Die Katzen hatten sich in eine Menschenart verwandelt, die mit Sprache, Intelligenz, Hoffnung und einer Mission versehen war. Ihre Mission lautete, Suzdal beizustehen, ihn zu retten, ihm zu gehorchen und Arachosia zu verderben.
Die Katzenschiffe kreischten ihren Kampfeswillen hinaus.
»Dies ist der Tag im Jahr des gelobten Zeitalters. Und jetzt kommen Katzen!«
Die Arachosianer hatten viertausend Jahre lang auf eine Schlacht gewartet und nun bekamen sie sie. Die Katzen griffen sie an. Zwei der Katzenschiffe erkannten Suzdal, und die Katzen meldeten sich.
»Oh Herr, oh Gott, oh Schöpfer aller Dinge, oh Beherrscher der Zeit, oh Beginn allen Lebens, wir haben gewartet, daß alles Dir dienen kann, Deinem Namen gehorchen, Deinem Ruhm folgen! Wir mögen für Dich leben, wir mögen für Dich sterben. Wir sind Dein Volk.«
Suzdal weinte und schleuderte seine Botschaft allen Katzen entgegen.
»Schlagt die Klopten, aber tötet nicht alle!«
Er wiederholte: »Schlagt sie und haltet sie auf, bis ich entkommen bin.«
Er stürzte mit seinem Kreuzer in den Nicht-Raum und floh.
Weder die Katzen, noch die Arachosianer folgten ihm.
Und das war die Geschichte, doch die Tragik ist, daß Suzdal heimkehrte. Und die Arachosianer sind noch immer dort, ebenso die Katzen. Vielleicht weiß die Instrumentalität, wo sie sind, vielleicht weiß es die Instrumentalität auch nicht. Die Menschheit hat nicht wirklich das Verlangen, dies herauszufinden. Es widerspricht allen Gesetzen, eine Lebensform zu erschaffen, die dem Menschen überlegen ist. Vielleicht sind die Katzen dem Menschen überlegen. Vielleicht weiß jemand, ob die Arachosianer gewonnen und die Katzen getötet und sich der Katzenwissenschaft bemächtigt haben und nun irgendwo nach uns suchen, wie blinde Menschen von Stern zu Stern tasten, um uns wahre menschliche Wesen zu finden, zu hassen, zu töten. Oder vielleicht haben die Katzen gewonnen.
Vielleicht sind die Katzen auf eine seltsame Mission programmiert, erfüllt von unheimlichen Hoffnungen, Menschen zu dienen, die sie nicht kennen. Vielleicht glauben sie, daß wir alle Arachosianer sind und nur um eines bestimmten Kreuzerkommandanten wegen geschont werden müssen, dem sie nie wieder begegnen werden. Und sie werden Suzdal nicht begegnen, denn wir wissen, was ihm widerfahren ist.
Suzdals Prozeß
Suzdal wurde auf einer großen Bühne in der offenen Welt der Prozeß gemacht. Sein Prozeß wurde aufgezeichnet. Er hatte etwas getan, was er nicht hätte tun dürfen. Er hatte nach den Arachosianern gesucht, ohne abzuwarten und ohne um Rat und Verstärkung zu bitten. Es lag nicht in seinem Bereich, jahrtausendaltes Elend zu lindern.
Und dann die Katzen. Wir verfügten über die Aufzeichnungen des Schiffes, die uns verrieten, daß etwas diesen Mond verlassen hatte. Raumschiffe, Geschöpfe mit Stimmen, Geschöpfe, die mit dem menschlichen Gehirn kommunizieren konnten. Wir sind nicht einmal sicher, daß sie eine irdische Sprache benutzt haben, denn sie sendeten direkt in die Empfangscomputer. Vielleicht arbeiteten sie mit irgendeiner Art von direkter Telepathie. Doch das Verbrechen bestand darin, daß Suzdal Erfolg gehabt hatte.
Indem er die Katzen zwei Millionen Jahre in die Vergangenheit zuriickgeschleudert, sie zum Überleben programmiert, zur Entwicklung einer Zivilisation kodiert, sie verpflichtet hatte, ihn zu erretten, war es ihm gelungen, eine ganze neue Welt in weniger als einer Sekunde objektiver Zeit zu erschaffen.
Seine chronopathische Maschine hatte die kleinen Lebensbomben auf den großen Mond über Arachosia katapultiert, hinunter zur fruchtbaren Erde, und in weniger Zeit als man zu dieser Aufzeichnung benötigt, kamen die Bomben in Gestalt einer Schlachtflotte zurück, die eine Rasse gebaut hatte, eine irdische Rasse, auch wenn sie von Katzen abstammen mochte, die zwei Millionen Jahre alt war.
Das Gericht sprach Suzdal seinen Namen ab und erklärte: »Sie werden nicht länger Suzdal heißen.«
Das Gericht sprach Suzdal seinen Rang ab.
»Sie werden nicht mehr Kommandant dieser oder irgendeiner anderen Flotte sein, sei es nun eine des Imperiums oder der Instrumentalität.«
Das Gericht sprach Suzdal sein Leben ab, »Sie werden nicht länger leben, ehemaliger Kommandant und ehemaliger Suzdal.«
Und dann sprach das Gericht Suzdal den Tod ab.
»Sie werden auf den Planeten Shayol gebracht, den Ort ultimater Schande, von dem niemals jemand zurückkehrt. Sie werden dorthin gebracht unter der Verachtung und dem Haß der Menschheit. Wir werden Sie nicht bestrafen. Wir wollen nichts mehr von Ihnen wissen. Sie werden weiterleben, aber für uns werden Sie aufgehört haben zu existieren.«
Das ist die Geschichte. Es ist eine traurige, wundervolle Geschichte. Die Instrumentalität versucht all die vielen verschiedenen Völker der Menschheit zu beruhigen, indem sie ihnen erklärt, daß sie nicht wahr, sondern nur eine Ballade ist.
Vielleicht existieren die Aufzeichnungen. Vielleicht brüten irgendwo die verrückten Klopten von Arachosia ihre Jungenkinder aus und bringen sie zur Welt, immer per Kaiserschnitt, füttern sie stets mit der Flasche, Generationen von Männern, die ihre Väter kennen und nicht einmal ahnen, was das Wort Mutter wohl bedeuten mag. Und vielleicht verbringen die Arachosianer ihr krankes Leben damit, endlose Kriege gegen intelligente Katzen zu führen, die einer Menschheit dienen, die vielleicht nie zurückkehrt.
Das ist die Geschichte.
Überdies ist sie nicht wahr.